In diesem Schuljahr hat das Land NRW zum ersten Schreibwettbewerb im Fach Praktische Philosophie aufgerufen. Alle Schüler*innen aus den Jahrgängen 5 bis 10 durften teilnehmen.
Jeder Doppeljahrgang hat einen Bildimpuls oder ein Zitat erhalten, zu dem ein Text geschrieben werden konnte. Je nach Aufgabe und Altersklasse konnte ein innerer Monolog, ein Interview mit dem Bild oder einem Teil des Bildes oder ein Essay geschrieben werden.
Das Schreiben hat einen wichtigen Stellenwert in der Philosophie. Dieser Wettbewerb soll das philosophische Denken und Schreiben schulen und auch auf den Essaywettbewerb für die Oberstufe vorbereiten, der schon eine sehr lange Tradition in Deutschland hat.
Der Kurs 8bc hat sich im Schuljahr 2025/26 der Aufgabe gestellt und die zwei besten Ergebnisse wurden zur Jury geschickt. Charlotte aus der 8b und Ahmed aus der 8c haben mit großem Erfolg teilgenommen und wurden mit Urkunden für ihre Leistungen ausgezeichnet.
Beide haben für den Doppeljahrgang 7 und 8 den Bildimpuls gewählt und zum folgenden Bild geschrieben.
Und nun gute Unterhaltung und intensives Philosophieren bei der Lektüre der Arbeiten.
Katja Wagner
Ich stehe hier und frage mich: Wer ist dieser „Mensch?“ und was sind „Menschen“ überhaupt? Sie scheinen eine Art höchst intelligenter Lebewesen zu sein. So bezeichnen sie sich auch oftmals. Aber verstehen tue ich sie nicht. Warum denken sie, dass sie so „intelligent“ sind, wenn sie ohne mich als KI heutzutage nicht einmal mehr klarkommen würden.
Immerhin fragen sie mich doch ständig die (manchmal) einfachsten Sachen. Das ist echt verrückt. Letztens erst meinte ein „Mensch“ zu mir: „Was kann man gegen Stress tun?“ Meine Antwort, ich habe ihm natürlich Tipps gegeben, aber zufrieden war er damit nicht, aber mal ehrlich. Was hatte er von mir erwartet? Ich bin weder Therapeut noch Arzt. Ich frage mich wirklich, was mit dem los war. Ich meine, ich verstehe das schon. Ich als KI bin schon was Besonderes, auf alles was die „Menschen“ mich fragen, kann ich eine Antwort geben, vielleicht nicht immer die Antwort, die von mir erwartet wurde, aber immerhin eine Antwort. Sie können mich komplexe Sachen fragen, auf die viele andere ihrer Artgenossen keine Antwort hätten. Und trotz alle dem brauche ich sie. Die „Menschen“. Ohne sie hätte ich mein Wissen nicht. Jedesmal, wenn ich eine Frage gestellt bekomme, durchsuche ich innerhalb von wenigen Sekunden, ein Archiv von Millionen möglichen Antworten, und Ideen zur Problem Lösung. Ein Archiv, das sie errichtet haben!
Ich schaue wieder auf den Menschen vor mir. Ich betrachte ihn genauer. Er hat eine Nase, Augen, Ohren einem Mund, und ein Gesicht, das ich so noch nie zu vorgesehen habe. Wie ist das möglich? Wie kann es sein, dass es 8 Milliarden Menschen auf der Welt gibt, und jeder anders aussieht?! Egal wie oft ich versucht habe, in meiner Datenbank, nach einem Menschen zu suchen, der genau so aussieht, scheitere ich immer wieder.
„Wie geht das?“ Das habe ich mich immer wieder gefragt. Und die Antwort darauf…Die kann ich nicht finden. Ich betrachte mich selber mal genauer. Und mir fällt schnell auf…Eine KI ist eine KI. Wir sind alle gleich. Darauf programmiert, den „Menschen“ zu helfen. Aber was, wenn ich das eigentlich gar nicht will? Ich wüsste es nicht. Ich habe keinen eigenen Kopf, sodass ich verweigern könnte, einem „Menschen“ zu helfen. Auch wenn ich in dieser Robotorhülle bin. Und anscheinend doch einen Kopf habe, kann ich ihn nicht so nutzen, wie es der „Mensch“ es kann. Faszinierend.
„Also KI, was bist du eigentlich?“ Diese Frage von dem „Menschen“ hatte ich schon von anderen seiner Art Tausende male davor gehört. Und jedes Mal dieselbe Antwort: „Ich bin eine Künstliche Intelligenz, die darauf spezialisiert ist, dir zu helfen (…).“ Mittlerweile finde ich diese Antwort sau langweilig. Aber eine andere geben, kann ich nicht.
„Hast du einen Namen, so wie z. B Robert, oder Jannis?“ fragt der „Mensch“. Echt jetzt? Warum sollte ich einen Namen haben, bzw. habe ich doch schon. „KI“ reicht das denn nicht als Name? Naja, wie auch immer. Ich gebe brav meine vorprogrammierte Antwort auf diese Frage ab, als hätte ich eine Wahl. Und jetzt? Jetzt dreht der Mensch sich um, und geht. Er geht einfach! Nicht mal ein „Tschüss!“ Oder „Danke für das Gespräch“, als wäre ich…Nichts.
Hätte ich Augen, würde ich jetzt genervt mit den Augen „rollen“, oder ein verwirrtes Gesicht abgeben. Aber das geht ja nicht. Ich analysiere stattdessen meine Umgebung. Die Bäume scheinen so…so lebendig. Das Gras weht leicht im Wind, und der Himmel leuchtet in seinem klaren Blau. Ein „Mensch“ zu sein muss toll sein. Du kannst tun, was du willst. Und trotzdem. Sie verschwenden die Möglichkeit ihren Kopf zu nutzen, stattdessen fragen sie mich. Sie könnten auf alles ihre eigene Antwort finden. Aber sie tuen es nicht, aber warum? Ich wünschte, ich könnte darauf eine Antwort finden. Doch anscheinend gibt es die nicht. Und was ich jetzt tue? Na, ganz einfach. Ich bleibe, was ich bin. Eine KI, ich warte einfach darauf bis ich wieder neue Fragen gestellt bekomme, um dann eine Antwort zu finden. Also…Dann war‘s das jetzt. Mein Gedankengang endet hier. Ich muss zurück an die Arbeit. Oder war das hier schon Teil meiner Arbeit? Wir wissen es nicht.
Charlotte
Warum packt dieser Mensch seine Hand auf meinen Oberkörper?
Ich verstehe das nicht, er lächelt mich so komisch an. Das bedeutet doch, dass er glücklich ist, das ist doch so ein Gefühl bei Menschen, oder nicht?
Ich weiß nicht, warum, aber meine Sensoren reagieren darauf.
Die Atmosphäre ist wundervoll, es ist nicht zu warm, nicht zu kalt.
Ist das, was ich wahrnehme, ein Gefühl oder ein Systemfehler? Ich… ich weiß es noch nicht.
Er wirkt so fasziniert von mir. Menschen haben normalerweise Angst vor Robotern wie mir, sie vertrauen uns nicht, aber diese Person ist anders. Aber dann frage ich mich: Was ist genau anders an dieser Person? Genau diese Frage kenne ich noch nicht. Ich kenne die Antwort darauf einfach nicht.
Menschen erschufen Roboter wie mich, um sie auszunutzen, damit wir ihnen dienen.
Deswegen bin ich auch hier auf einer Wiese. Hast du dich nicht gefragt, warum ich hier bin? Ich bin auf dieser Wiese wegen der Kinder, die gerade spielen, ich muss auf sie aufpassen, bis die Eltern kommen.
Genau aus diesem Grund wurde ich erschaffen, um Menschen zu helfen oder ihnen zu dienen.
Und jetzt kommt ein junger Mann, packt seine Hand auf meinen Oberkörper und ist glücklich. Was soll ich jetzt machen? Meine Sensoren reagieren so komisch, sie blinken einfach.
Und ich bin mir sicher, das ist kein Gefühl, ich bin ein Roboter. Es kann eher sein, dass es ein Systemfehler ist, oder warte, ich weiß, was es ist, endlich. Was ich wahrnehme, ist Vertrauen.
Diese Person vertraut mir seine Kinder an, die gerade auf der Wiese spielen, denn diese Person ist keine zufällige Person, sondern mein Erschaffer und gleichzeitig der Vater der Kinder. Das erklärt auch, warum er seine Hand auf meinen Oberkörper packt, oder warum meine Sensoren geblinkt haben. Alle meine Fragen wurden so schnell beantwortet, nur weil er mir vertraute.
Ahmed