Bielefeld (17.09.2025). In jedem Menschen steckt etwas Besonderes, etwas Einzigartiges. Diese Erkenntnis wurde heute den etwa 70 Jugendlichen des Brackweder Gymnasiums in Bielefeld mit dem AOK-Präventionsprogramm ‚Püppchen‘ deutlich. „Wir möchten das Selbstwertgefühl der Jugendlichen stärken und ihre Wahrnehmung schärfen, um erste Anzeichen einer möglichen Essstörung zu erkennen.
Die jungen Menschen lernen so, für sich einzustehen und sich, wenn nötig, Hilfe zu holen“, sagt Dr. Katharina Kiel-Dunsche, Spezialistin für Ernährungsberatung bei der AOK NordWest. Wie wichtig das Thema im Alltag von jungen Menschen ist, bestätigt auch Eva Irfan, Lehrerin am Gymnasium Brackwede, die für das Thema ‚psychosoziale Gesundheit‘ verantwortlich ist. „Das einführende Theaterstück in Kombination mit der Nachbereitung bietet eine sehr gute Möglichkeit, unseren Schülerinnen und Schülern das Thema Essstörungen näher zu bringen. Der allgegenwärtige Schlankheitswahn, Stresssituationen und psychische Gesundheit sind auch bei uns in der Schule ein großes Thema und können rasend schnell zu einer Essstörung führen. Davor wollen wir unsere Schülerinnen und Schülern bewahren, indem wir sie aufklären und sensibilisieren. Ein Baustein davon ist dieses Präventionsprojekt mit der AOK, das bereits seit drei Jahren an unserer Schule etabliert ist“, sagt Irfan.
Es gibt nicht die eine Ursache für Essstörungen. In der Regel sind es mehrere Faktoren, die Magersucht, Bulimie oder eine Binge-Eating-Störung auslösen können. Bei der Magersucht dominieren das Untergewicht und Hungern, Bulimie zeigt sich durch Essanfälle, bei denen unkontrolliert große Mengen an Nahrungsmitteln aufgenommen werden. Beides ist geprägt von der Angst zuzunehmen und von Maßnahmen, um dies zu verhindern: Erbrechen, Abführmittel oder exzessives Sporttreiben. Bei der am häufigsten vorkommenden Binge-Eating-Störung werden unkontrolliert große Nahrungsmengen aufgenommen, ohne der zu hohen Energiezufuhr und der Entwicklung von Übergewicht entgegenzuwirken. Eine instabile Familiensituation, ein geringes Selbstwertgefühl, der Hang zu Perfektionismus sowie die Verbreitung von Schönheitsidealen in sozialen Medien sind häufig mit der Entwicklung von Essstörungen verbunden. Etwa 20 von 100 Kindern und Jugendlichen im Alter von elf bis 17 Jahren zeigen bereits ein auffälliges Essverhalten mit Symptomen einer Essstörung wie etwa Unzufriedenheit mit Figur und Gewicht oder Heißhungeranfälle. Mädchen sind fast doppelt so häufig betroffen wie Jungen. Etwa die Hälfte der Mädchen und ein Fünftel der Jungen im Alter von 15 Jahren empfinden sich als zu dick, obwohl sie normalgewichtig sind. Mehr als die Hälfte der Mädchen hat in diesem Alter bereits Diäterfahrungen, jedes vierte Mädchen sogar mehrfach. Ein gestörtes Essverhalten kann in eine Essstörung übergehen mit erheblichen Folgen wie zum Beispiel: Herzrhythmusstörungen, Kreislaufbeschwerden oder Störungen der Nierenfunktion. „Wer eine Essstörung hat, erkennt das oft nicht. Deshalb brauchen Betroffene Hilfe. Spezielle Beratungsstellen unterstützen Familien, Freunde und Lehrer“, sagt Dr. Katharina Kiele-Dunsche. In der Region in Bielefeld gibt es solche Angebote zum Beispiel bei der Regionalen Schulberatungsstelle, dem Mädchenhaus und der pro Familia Beratungsstelle. Das Gymnasium Brackwede berät seine Schülerinnen und Schüler außerdem mit eigenen Schulsozialarbeitern und zwei Beratungslehrern.
In der Zeit des Erwachsenwerdens verändert sich der Körper, Äußerlichkeiten beginnen eine wichtige Rolle zu spielen und die eigene Rolle muss gefunden werden. Wenn dann noch eine starke seelische Belastung hinzukommt, etwa der Verlust eines geliebten Menschen, Mobbing oder eine gestörte Mutter/Vaterbeziehung, kann dies zu einem gestörten Essverhalten führen.
Seit 2014 bietet die AOK NordWest das Theaterstück ‚Püppchen‘ als Einstieg in ihr Programm zur Prävention von Essstörungen kostenfrei für Schulen in Westfalen-Lippe an.
Das Stück ‚Püppchen‘ erzählt spannend und sensibel die Geschichte von Lena und Shirin, die, ohne es zu wissen, einen ähnlichen Weg gewählt haben, mit ihren Problemen umzugehen. Lena soll zu Hause funktionieren und ihre überlasteten Eltern unterstützen. Keiner fragt sie, was sie möchte und deshalb findet sie: „Mein Leben ist zum Kotzen“. Und genau das tut sie dann auch. Ihre Schulfreundin Shirin hat in letzter Zeit „ganz schön abgenommen“. Sie merkt nicht, wie sich ihre Wahrnehmung verändert in einer Welt, in der sie niemand mehr zu verstehen scheint. „Nur noch zwei Kilo abnehmen, wo ist denn da das Problem?“
Im Anschluss an das Theaterstück führen die beiden Schauspielerinnen eine pädagogische Nachbereitung im Klassenverband mit Übungen, Reflexion und Auseinandersetzung mit dem Stück, den Inhalten und dem eigenen Selbstbild anhand verschiedener Methoden durch. Dies ist ein wichtiger Bestandteil des Programms. Die jungen Menschen erfahren durch eine Übung ihre eigenen Stärken aus der Sicht der anderen, besprechen, wie sie sich gegenseitig unterstützen können und stärken so ihr Selbstwertgefühl.
„Wir sind uns bewusst, dass wir eine große Verantwortung rund um das Thema Kinder- und Jugendgesundheit tragen. Dank unserer regionalen Ausrichtung und Nähe habenwir große Gestaltungspotenziale vor Ort. Die nutzen wir und setzen dort an, wo es am effektivsten ist. Nämlich direkt in den Lebenswelten der Menschen, wie hier in der Schule. Es ist besonders wichtig, an den Ursachen anzusetzen und Präventionsangebote in die Schulentwicklung einzubetten, damit die Maßnahmen zur Förderung eines guten sozialen Miteinanders und der Persönlichkeitsentwicklung gut ineinandergreifen und auch mit anderen Angeboten wie dem gesundheitsorientierten Umgang mit Social Media wirken können“, betont Dr. Kiele-Dunsche.
„Die Schule hat einen starken Einfluss auf das Gesundheitsverständnis von Kindern und Jugendlichen. Die heutige Theateraufführung hat auf sehr anschauliche Weise vermittelt, wie sie gesund leben, Verantwortung für ihre Gesundheit übernehmen und ihr persönliches Wohlbefinden gestalten können“, sagt Heike Bug, Leiterin des Gymnasiums Brackwede.
Interessierte Einrichtungen in Bielefeld können sich bei der AOK NordWest für die Durchführung von ‚Püppchen‘ bewerben. AOK-Projektprogrammkoordinator Andreas Jung beantwortet unter der Telefon-Nummer 0800 2655 500072 gern weitere Fragen und nimmt Anmeldungen entgegen.