Es ist still in der Aula des Brackweder Gymnasiums. Auf der Bühne beginnt ein Abend, der Geschichte nicht nur erzählt, sondern sie erfahrbar macht. Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 9, 10 und 11 nehmen das Publikum mit in eine Zeit, in der Menschen entrechtet, zu Nummern gemacht und zur Zwangsarbeit gezwungen wurden. Im Mittelpunkt steht das ehemalige Kriegsgefangenenlager Stalag 326 in der Senne.
Unter dem Titel „Auf Messers Schneide“ entstand ein außergewöhnliches Erzählkonzert, an dem rund 40 Schülerinnen und Schüler beteiligt waren. Über mehrere Monate haben sie sich intensiv mit der Geschichte des Lagers beschäftigt. Ein Besuch der Gedenkstätte, die Auseinandersetzung mit Biografien und mit historischen Dokumenten wurden dabei zum Ausgangspunkt für eigene Texte und Szenen.
Was zunächst nach Geschichtsunterricht klingt, wurde auf der Bühne zu etwas sehr Persönlichem. Die Jugendlichen erzählen von Hunger, Krankheit, Kälte und Angst – aber auch von Hoffnung und dem Versuch, unter unmenschlichen Bedingungen die eigene Würde zu bewahren. In einzelnen Szenen schlüpfen Schülerinnen in die Rollen von Gefangenen und machen deren Schicksale sichtbar. So wird aus Geschichte ein Stück persönlicher Erinnerung.
Den schauspielerischen Teil erarbeitete Frau Seif gemeinsam mit ihrem Kurs im Darstellenden Spiel und einer Projektgruppe. Für die Koordinierung und die Umsetzung des gesamten Abends waren Frau Neuhaus und Frau Bug verantwortlich. Unterstützt wurde das Projekt durch den niederländischen Künstler Vincent Bijlo und den Bielefelder Musiker Konrad Koselleck. Für die musikalische Begleitung sorgte die BiBop-Big-Band unter der Leitung von Stephan Schulze.
Auch außerhalb der Bühne setzten sich die Schülerinnen und Schüler mit der Geschichte auseinander. In Zusammenarbeit mit Herrn Schwengelbeck entstand die Geschichtsausstellung „Unter Bielefeldern“, die sich mit Zwangsarbeit im Bielefelder Süden beschäftigt. Die Ausstellung soll künftig als Wanderausstellung auch andere Schulen und Einrichtungen erreichen.
Den Abschluss des Abends bildete mit John Lennons Friedenslied „Give Peace a chance“ ein eindrucksvoller gemeinsamer musikalischer Moment – und damit zugleich einen Blick nach vorn. Denn das Projekt zeigt deutlich: Erinnerung bleibt lebendig, wenn junge Menschen sich Geschichte aneignen, Fragen stellen, ihre eigene Stimme finden und mit ihr den Wert der Menschlichkeit betonen.
André Schwengelbeck